Dr. Sabine Fehlemann, Wuppertal, 2000

Martin Streit ist ein Maler kleiner Formate und sehr verhaltener Thematik. Die Motive sind vereinzelt und nur schemenhaft auszumachen. Ähnlich wie beim frühen Jean Fautrier stellt sich die Malerei von Martin Streit dar: Z.B. eine einfache Schale in halber Draufsicht, offen, in changierenden Grüntönen, mit Schattenzonen meist, aber auch Äpfel, vier Kugeln oder zwei, auf ihren Schatten hockend. Asymmetrie regiert das Bild, feinste Nuancierungen von Ton-in-Ton-Farben. Selbst wenn sich Personen auf groben Leinwandstrukturen abheben, sind es eher Erscheinungen, Visionen, als wirkliche Gestalten. Etwas Unheimliches haftet ihnen an, auch sie verwandeln sich zu >Stilleben<.

An Giorgio Morandis meta-metaphysische Malerei wird man ebenso erinnert, wie an dessen leblos unbewegte Gegenstände. Auch bei Streit sind es die nicht alltäglichen Dinge, die er an den vorderen Rand seiner Bilder rückt und dort aufbaut, ohne auf den Raum, in dem sie sich befinden, Bezug zu nehmen. Dagegen ist eine geradezu atmende Atmosphäre eingefangen, ein Farbklang zur Erscheinung gebracht.

Die Gegenstände werden nicht naturgetreu nachgeahmt, sondern in ihrem Wesen nur angedeutet und mit Distanz aufgenommen, auf den Wirkungen von Licht und Farbe basierend. Verhaltenheit, Dämmerlicht, ein sich Verstecken vor der Helligkeit, ein Ahnen nur, das der Phantasie viel freien Raum lässt, ein Reduzieren auf zwei bis drei monochrome Farben im Bildgrund prägen die Bilder Martin Streits.

Serien entstehen, gleiche oder ähnliche Motive in unterschiedlichsten Kombinationen und Verschmelzungen. Der Raum als Ganzes bleibt diffus, nimmt die Qualität einer feierlichen Verschleierung an, umhüllt mehr als er birgt, umfasst nur eine homogene Bildzone.

Unprätentiöse, hintergründige, stumme Auftritte nicht alltäglicher Dinge als farbige Erscheinungen gemalt, lassen die Zeit still stehen. Alles wird zu Stilleben, Ton-in-Ton-Malerei, mit farbigen Schatten, die sich von dem Beleuchteten nur karg abheben. Vermutungen, Ahnungen, Verfremdungen machen diese Malerei zur Vision.



 

Dr. Uwe Schramm, Essen: Zu den Bildern von Martin Streit, Köln

Die Motivwelt der Bilder von Martin Streit (geb. 1964, lebt in Köln und Andernach-Kell) ist vergleichsweise unspektakulär. Das gegenständliche Arsenal, an dem er seine künstlerischen Ambitionen entfaltet, sind Kugeln, Schalen und voluminöse Behältnisse. Vorgetragen in intimen Formaten zielt seine künstlerische Geste nicht auf eine erscheinungstreue Wiedergabe der Realität, sondern sie bringt eine Form der Wahrnehmung auf den Weg, der sich über den konkreten Gegenstandsbezug hinaus eigenständig entwickelt, entfaltet und bewegt.

Erreicht wird diese Aktivierung des Sehens durch ein besonderes malerisches Ausdrucksvermögen. Die künstlerische Darstellung, die Gestaltung von Licht und Farbe stehen nicht im Dienst der Klärung und Herleitung gegenständlicher Zusammenhänge. Sie lassen die Gegenstände vielmehr als ein >>als ob<< in Erscheinung treten.

Formen erscheinen und vergehen im Licht unserer Blicke. Dabei nähert sich der Künstler der dinghaften Erscheinung im Bewusstsein ihrer Unerreichbarkeit. Dennoch schaffen seine Bilder  bemerkenswerte Seherlebnisse. Hintergrund und Vordergrund, Objekterscheinungen und deren farbiger Kontext verschmelzen zu einer einzigen optischen Ebene. Aus der Farbe heraus bilden sich Raum und Körper, lösen sich auf und entstehen neu unter dem suchenden, unablässig über die Bildfläche wandernden Blick des Betrachters.  Körper verändern ihre äußere Erscheinung, feste Strukturen verwandeln sich zu biomorphen Phänomenen.

So erscheint Martin Streits Bildwelt in permanenter Veränderung. Im Verschwimmen und der Vereinigung der Formen, in ihrem erscheinungshaften Werden und Vergehen materialisiert sich eine Metamorphose aller sichtbaren Phänomene. Festzuhalten scheint das Bild nur einen von vielen möglichen Aggregatzuständen der Dinge. Im nächsten Moment jedoch verändert sich diese Welt und offenbart ein anderes Antlitz der Zeit.

Streits Malerei weckt Erinnerungen an die  Realität und entzieht sich gleichzeitig jeder Art einer realitätsnahen Darstellung. Seine Bilder schreiben eine eigene Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die sich durch das Sehen jedes Mal wieder neu bildet. Aus Streits Bildern spricht die Gewissheit des Malers, dass die Welt der sinnlichen Erscheinung keineswegs eine feste, definitive und klar konturierte ist, die einem permanenten Wandel und der dauerhaften Veränderung unterworfen ist. Entsprechend verändert sich auch die Malerei beständig ihr vom Künstler geschaffenes Erscheinungsbild.

Ihre Präsenz wird erst durch das von der Farbe motivierte Sehen vervollständigt ohne je zu einem wirklichen Ende gebracht zu werden. Streits Malerei  stelle Fragen über die sinnliche Erfahrbarkeit der Welt. Diese Malerei plädiert für einen permanenten Austausch von sinnlichem Erkennen und bewusstseinsgesteuerter Verarbeitung und damit für einen offenen, immer wieder neu zu ordnenden Begriff von Wirklichkeit.  Auch seine in jüngster Zeit entstandenen Photographien arbeiten an dieser Unschärfe der gegenständlichen Gewissheit.

Ebenso wie die Malerei lassen sie sich nie abschließend betrachten und setzen damit in ein kreatives Sehen in Gang, das zu immer wieder neuen Erkenntnissen über den Zustand und die Beschaffenheit der materiellen Welt führt.